6. Studienprobleme und persönliche Schwierigkeiten
6.1 Ich versage immer bei mündlichen Prüfungen – was könnte mir helfen?
Die Gründe, warum ich bei mündlichen oder schriftlichen Prüfungen durchfallen bzw. versagen kann, sind vielfältig. Zum einen kann es einfach an mangelhafter Vorbereitung, an Verständnisschwierigkeiten oder fehlender Motivation liegen, zum anderen kann der Prüfungsmodus, die Art der Fragestellungen, das Verhalten des Prüfers u. ä. für mich ungewohnt, fremd sein.
Kann ich die ersten Bereiche ausschließen und betrifft mein Versagen tatsächlich nur mündliche Prüfungen, versuche ich, mich an bestandene Prüfungen aus meiner Vergangenheit zu erinnern. Wenn ich inzwischen ein Studium betreibe, muss ich ja zumindest während meiner Schulzeit Prüfungen bestanden haben. Dieses „immer“ stimmt somit nicht und es wird sich um eine oder einige Prüfungen handeln.
Wenn ich in der letzten Zeit ein und dieselbe Prüfung nicht bestanden habe, könnte ich mir für die nahe Zukunft einen anderen Gegenstand vornehmen und nach entsprechender Vorbereitung dazu die Prüfung absolvieren. Eine bestandene Prüfung gibt mir Zuversicht und Motivation für die nächste.
Wenn es möglich ist, höre ich bei Prüfungen zu und versuche, die gestellten Fragen für mich zu beantworten bzw. mir meine Wissenslücken zu notieren.
Eine gute Vorbereitung auf mündliche Prüfungen bietet die Prüfungssimulation. Ich brauche dazu einen/eine LernpartnerIn, am besten jemanden, der dieselbe Prüfung vor sich hat. Ein Fragenkatalog oder eine Fragensammlung wären nützlich. Sollte dies nicht zur Verfügung stehen können Fragen aus den vorhandenen Lernunterlagen zusammengestellt werden.
Wir beide „spielen“ dann die Prüfung durch. Einmal ist mein/e LernpartnerIn der/die PrüferIn und ich der/die KandidatIn, das nächste Mal umgekehrt. So profitieren wir beide davon. Die Zeit dieser Prüfung legen wir so fest, dass sie jener der Realsituation weitgehend entspricht. Im Zweifelsfalle nehme ich die längste zu erwartende Prüfungsdauer. In den meisten Fällen wird es sich um 20 bis 30 Minuten handeln.
Bin ich der „Prüfling“, stelle ich mir vor, ich befinde mich in dem Raum, in dem die Prüfung üblicherweise stattfindet, und mir gegenüber sitzt der/die PrüferIn. Ich versuche, ihn/sie vor meinem „geistigen Auge“ zu sehen. Mein/e LernpartnerIn verhält sich so, wie es der/die PrüferIn tun würde. Die mir gestellten Fragen beantworte ich nach bestem Wissen. Nach Beendigung diskutieren wir mein „Prüfungsergebnis“ und gehen daran, eventuelle Schwachpunkte und Wissenslücken zu beseitigen. Nach einigen solcher Rollenspiele wird meine Sicherheit hinsichtlich meines Wissens und Prüfungsverhaltens immer größer, was natürlich auch hilft, meine Nervosität in den Griff zu bekommen.
6.2 Ich möchte mein Studium ändern – was sollte ich grundsätzlich beachten?
Am wichtigsten ist es zu überprüfen, warum ich mein Studium aufgeben möchte.
Habe ich ein für mich unpassendes, meinen Interessen und Fähigkeiten nicht entsprechendes Fach gewählt? Wenn ja, sollte ich genau diese bei der Wahl eines anderen beachten. Wenn ich dabei unsicher bin, kann eine psychologische Eignungsuntersuchung mir Orientierungshilfe bieten.
Habe ich bei meinem bisherigen Studium zwar Interessen und Fähigkeiten berücksichtigt, aber dennoch keinen Erfolg gehabt? Das kann u.a. an ungenügenden Lerntechniken oder an schlechtem Selbstmanagement liegen. Eine Verbesserung dieser Fertigkeiten kann helfen, wieder Erfolg und Freude an meinem Studium zu erleben.
Möchte ich mein Studium nur deshalb ändern, weil ich kürzlich eine wichtige Prüfung nicht geschafft habe? Um eine „Kurzschlusshandlung“ auf Grund dieser Frustration zu vermeiden ist es sinnvoll, diese Prüfung oder eine andere, „kleinere“ Prüfung gut vorzubereiten und zu absolvieren, um danach die endgültige Entscheidung zu fällen.
Habe ich mir unter Studieren überhaupt etwas anderes vorgestellt, weniger theoretisch, mehr praxisorientiert, weniger langwierig? In diesem Fall kann ich mir über alternative, mir eher entsprechende Ausbildungsmöglichkeiten Informationen einholen und etwas Geeignetes auswählen.
6.3 Ich darf bei der nächsten Prüfung nicht durchfallen, sonst ist alles aus. Was soll ich tun?
Wenn es sich dabei um die letzte Antrittsmöglichkeit, eine „kommissionelle Prüfung“, handelt und ich die Möglichkeit habe, eine andere Prüfung vor dieser zu absolvieren, so ist es sinnvoll, dies zu tun, um wieder Sicherheit und Selbstvertrauen zu entwickeln.
Handelt es sich um meine letzte Prüfung überhaupt, ist es wichtig, mich besonders sorgfältig darauf vorzubereiten. Ich suche mir einen/eine Lernpartner/in, um gemeinsam Unklarheiten und Wissenslücken zu erkennen bzw. zu beseitigen und die Prüfung im Rollenspiel zu simulieren (siehe Frage 6.1). Auch schriftliche Prüfungen lassen sich auf diese Art üben. Ich lasse mir von meinem/meiner LernpartnerIn aus einer Fragensammlung oder aus den Lernunterlagen eine Prüfung zusammenstellen und bearbeite diese unter möglichst realitätsnahen Bedingungen wie gleiche Prüfungsdauer, gleich viele Pausen und nur erlaubte Hilfsmittel. Danach korrigiert mein/e PartnerIn meine Arbeit oder wir machen das gemeinsam und besprechen meine Fehler und Mängel. Damit wächst meine Zuversicht und meine Sicherheit und der Gedanke „sonst ist alles aus“ wird von selbst in den Hintergrund treten.
Für den bei guter Vorbereitung unwahrscheinlichen Fall, dass ich die Prüfung nicht bestehe, ist es sinnvoll, mir Alternativen vorzustellen. Kann ich mit dem bisher im Studium Absolvierten in ein ähnliches wechseln und mir dabei einiges anrechnen lassen?
Ist es möglich, dasselbe Studium an einer anderen Universität zu studieren?
Kann ich das bisher Erlernte für eine andere Ausbildung verwenden?
6.4 Wie geht eine Psychotherapie vor sich? Was passiert da?
In einer Psychotherapie kann ich meine Sorgen, Ängste, Schwierigkeiten, Zweifel, kurz: alles, was „mir auf der Seele liegt“, vorbringen. Der/die PsychotherapeutIn ist für die Zeit unserer gemeinsamen Sitzung (ca. 50 Minuten) ausschließlich für mich da. Er/sie begleitet mich auf dem Weg zu mir selbst und ich werde lernen, mich besser zu verstehen und mich anzunehmen. Dazu kann es nötig sein, die eigene Vergangenheit, die Kindheit und die Jugendzeit, die eigene Sozialisation in Erinnerung zu rufen und „durchzuarbeiten“. Mit diesem Verständnis werde ich in die Lage versetzt, „eingefahrene“ Denk- und Verhaltensmuster zu erkennen, in Frage zu stellen und schrittweise zu verändern. Der/die PsychotherapeutIn gibt mir keine fertigen Patentrezepte vor, erteilt mir keine Anweisungen, bevormundet mich nicht, sondern hilft mir, eigene Lösungsmöglichkeiten zu finden. Nach einer sehr einfachen Definition ist Psychotherapie Hilfe zur Selbsthilfe.
6.5 Ich möchte am liebsten alles hinschmeißen. Was kann die Psychologische Studentenberatung mir dagegen sagen?
Erlebe ich mich dabei, alles hinschmeißen zu wollen, bin ich emotional das kleine Kind, das ich einmal war. Ich war zum Beispiel dabei, aus meinen Bausteinen einen Turm zu bauen, aber immer wieder fiel dieser zusammen. Irgendwann war es dann zu viel und unter mehr oder minder lautem Schreien habe ich alles, nämlich die „bösen“ Bausteine, hingeschmissen und mit Händen und Füßen umhergeschleudert. Und siehe da: immer wieder ist bei einem derartigen Verhalten dann die Mutter, der Vater, die Großmutter usw. gekommen, hat tröstend mit mir gesprochen, mich durch Streicheln beruhigt, mir etwas zum Naschen gegeben und den Turm mit mir aufgebaut. Dies war jedenfalls die Lösung! Ich habe somit gelernt, daß ich, wenn ich ein bestimmtes Ziel nicht erreichen kann und ich vor Ohnmacht, Verzweiflung, Wut und Traurigkeit nicht weiter weiß, alles hinschmeiße und auf Hilfe warte.
Bin ich nun als Erwachsener in einer solchen Gefühlslage, kann ich versuchen, das Kind in mir zu sehen und ihm gewissermaßen „von außen“ zu Hilfe zu kommen. So könnte ich zum Beispiel sagen: „Ja, ja diese dummen Bausteine, die wollen wieder einmal nicht, aber schau, wir beide machen das jetzt gemeinsam. Komm, hilf mir!“ Auf diese Art kann der Erwachsene in mir konstruktive Problembewältigung erreichen.
6.6 Ich kann mich so schwer aufraffen, konzentriert zu lernen. Wie kann ich dies ändern?
Ich gestalte mir einen Arbeitsplatz so, dass er von sich aus zum Lernen anregt. Auf meinem Tisch befinden sich nur Gegenstände und Unterlagen, die ich zum Lernen brauche. In den Lernpausen verlasse ich diesen Platz.
Wenn ich mir geringere Lernmengen und damit kürzere Lerneinheiten (z.B. statt einer Stunde lerne ich im Halbstundentakt) vornehme, ist das Ziel schneller und leichter zu erreichen. Am Ende einer Lerneinheit wiederhole ich kurz das Gelernte und verschaffe mir damit ein Erfolgserlebnis. Dadurch wird meine Lernmotivation von selbst immer besser und damit auch meine Konzentration.
Zwischen den Lerneinheiten mache ich bewusst Pausen, z.B. nach einer halben Stunde 10 Minuten Pause. Die Pausen sind für mich die „Belohnung“ für meine Arbeit und ich fülle sie mit angenehmer Beschäftigung z.B. Hinlegen und Dösen, Musik hören, Kaffee/Tee trinken, eine Kleinigkeit (z.B. Banane, Orange) essen, leichte Gymnastik u. ä.
Mit der Länge meiner Lerneinheiten und Pausen experimentiere ich, bis ich die für mich passende gefunden habe.
Wenn ich während des Lernens merke, dass meine Gedanken abschweifen und ich am liebsten aufhören möchte, beschließe ich, noch ein kleines Stück, ein bis zwei Sätze, bis zum nächsten Absatz zu lernen. Danach, nach 2 bis 5 Minuten, entscheide ich, ob ich aufhöre oder das geplante Pensum weiterlerne.
Ich rufe mir in Erinnerung, dass ich bei längeren Lernvorhaben zu Beginn immer wieder Konzentrationsschwierigkeiten hatte und dass diese sich nach einiger Zeit, nach zwei bis drei Tagen, wie von selbst gelöst haben.
Habe ich an mir beobachtet, dass ich zu bestimmten Tageszeiten mit meiner Konzentration zu kämpfen habe (z.B. am frühen Nachmittag), organisiere ich meinen Tagesablauf so, dass ich zu diesen Zeiten anderes erledige und umgekehrt die Zeiten mit guter Leistungsfähigkeit nütze.
6.7 Mein Studium interessiert mich überhaupt nicht mehr, soll ich es beenden?
Ich überlege, ob dieses Desinteresse von Beginn an vorhanden war oder erst seit kürzerer Zeit.
War es von Anfang an da, habe ich wahrscheinlich eine unüberlegte Studienwahl getroffen.
Ist es erst kürzlich entstanden, überlege ich, ob eine nicht bestandene Prüfung oder ein mir nicht bewältigbar erscheinender Lernstoff damit zusammenhängen. In diesem Fall nehme ich mir vor, eine andere Prüfung mit einem anderen, weniger umfangreichen Inhalt zu absolvieren.
In jedem Fall kann ich beschließen, mein Studium noch dieses Semester weiter zu betreiben, um am Ende eine Entscheidung zu fällen.
Bei Entscheidungsunsicherheit werde ich mir psychologische Unterstützung suchen.
6.8 Ich habe persönliche Probleme. An wen kann ich mich wenden?
Ich wende mich an eine Psychologische Beratungsstelle für Studierende. Es gibt sie in jeder Universitätsstadt (außer Leoben) und sie kann von mir kostenlos und auf Wunsch auch anonym in Anspruch genommen werden.
6.9 Meine Freundin hat mich verlassen – ich kann nicht lernen. Was mache ich jetzt?
Ich erlebe eine Mischung aus Traurigkeit und ohnmächtiger Wut, ich bin geplagt von Selbstzweifeln und düsteren Gedanken, ich bin in einer emotionalen Ausnahmesituation. Es gibt Menschen, die sich in einer solchen durch Arbeit ablenken können, anderen gelingt dies nicht. Gehöre ich zu letzteren, dann versuche ich, meine Gefühle zuzulassen. Ich habe meine Freundin geliebt, nun habe ich sie verloren, das darf weh tun! Wäre sie mir nicht so nahe gewesen, hätte sie mir nicht so viel bedeutet, könnte ich den Verlust viel leichter ertragen. Mein Schmerz ist der Tribut an meine Liebe! Er wird, wenn ich ihn zulasse, mit der Zeit immer geringer werden und eines Tages wird nur mehr ein Stückchen Wehmut vorhanden sein. Der Liedermacher Reinhard Mey singt zu diesem Thema: „.....wenn man erkennt, nicht jede große Liebe braucht auch ein Happyend!“
Ich werde mich nicht verkriechen, sondern Kontakt zu anderen halten, mit ihnen etwas unternehmen und damit etwas erleben. Ich werde mir erledigbare Aufgaben suchen, z.B. meinen Schreibtisch ordnen, mein Zimmer aufräumen, die längst geplante Bastelarbeit für meine Großmutter erledigen usw.
Ich vertraue darauf, dass meine Fähigkeit zu lernen wieder kommen wird, und wenn ich sie spüre, werde ich mein Lernvorhaben langsam wieder in Angriff nehmen.
Ist meine emotionale Belastung so stark, dass ich drohe, „in den Tränen meines Selbstmitleids zu ertrinken“, hole ich mir professionelle psychologische Hilfe.
6.10 Wie kann ich meine Kommunikationsfähigkeit verbessern?
Einerseits suche ich möglichst viele Gelegenheiten, um mit anderen in Verbindung treten zu können, andererseits informiere ich mich über einschlägige Trainings oder Seminare.
Ich werde z.B. nach einer Lehrveranstaltung oder in den Pausen zwischen zwei Seminaren nicht allein weggehen oder in einer Ecke stehen, sondern den Kontakt und das Gespräch mit Kolleginnen und Kollegen suchen.
Die Psychologischen Beratungsstellen für Studierende bieten immer wieder Trainings und Seminare zu den Themen Kommunikation, Soft-Skills, Social-Skills u.ä. an. Ich werde mich zum nächsten Termin anmelden.
6.11 Wie kann ich Stress und Belastung bewältigen?
Durch gutes Selbst- und Zeitmanagement!
Ich überprüfe meine Ziele hinsichtlich ihrer Erreichbarkeit. Meistens steht das Erleben von Stress und Belastung mit eigener Überforderung in Zusammenhang.
Habe ich mir zu viel für zu kurze Zeit vorgenommen?
Ich ändere meine Pläne. Ich beschließe z.B., die eine Prüfung nicht unbedingt vor den Ferien zu machen, sondern sie auf danach zu verschieben. Ich hole mir kollegiale Hilfe z.B. für das Erlernen eines Computerprogrammes, das ich für eine Seminararbeit benötige.
Ich achte auf ausgewogene Balance zwischen Arbeit und Freizeit. Ich gestalte meine Freizeit bewusst und nehme mir für heute, nach getaner Arbeit, etwas vor, das meinen Interessen entspricht und verspricht, angenehm zu sein.
Die Psychologischen Beratungsstellen für Studierende bieten immer wieder Seminare (Lerntrainings, Selbstmanagement u.ä.) zu diesem Thema an. Ich werde mich dazu anmelden.
6.12 Ich bin unbeholfen, wenn ich etwas für mich erreichen möchte. Es fällt mir auch schwer zu verstehen, was andere wollen. Wie kann ich meine soziale Kompetenz verbessern?
Ich möchte lernen, für mich selbst einzutreten und mich von anderen besser abgrenzen zu können. Ich kann mich dazu in einer Psychologischen Beratungsstelle für Studierende zu einem sondierenden Einzelgespräch anmelden und/oder ein einschlägiges Seminar besuche.
6.13 Ich werde mit nichts rechtzeitig fertig. Wie kann ein gutes Zeitmanagement gelingen?
Ich habe mir zu viel vorgenommen und die dazu benötigte Zeit unterschätzt. Ich mache in Zukunft realistische Pläne und räume mir mehr Zeit ein, als ich vorschnell gedacht hatte. Ich kann dies auch im Kleinen üben, z.B. statt der üblichen fünf Minuten zum Umziehen vor dem Ausgehen plane ich mir dazu zehn Minuten Zeit ein.
Ich habe eine bestimmte Aufgabe, z.B. eine Seminararbeit, über längere Zeit aufgeschoben und jetzt ist die Zeit zu knapp. Trotz Nachtarbeit und viel Kaffee schaffe ich den Abgabetermin nicht und muss um Verlängerung betteln. Erkenne ich darin ein Verhaltensmuster und fällt es mir schwer, es selbst zu verändern, wende ich mich um psychologische Hilfe an eine Psychologische Beratungsstelle für Studierende.
6.14 Was mache ich, wenn ich Ängste habe?
Es gibt Ängste, die mir helfen, eine Gefahr zu erkennen und Vorkehrungen zu treffen.
Habe ich z.B. bei einer Bergwanderung Angst, dass ein Unwetter kommen könnte, werde ich Wetterinformationen bei Einheimischen oder per Telefon einholen und gegebenenfalls den Gipfelsturm abbrechen.
Habe ich bei der Vorbereitung auf eine Prüfung Angst, nicht rechtzeitig fertig zu werden und durchzufallen, werde ich mir Unterstützung beim Lernen holen, die Lernintensität verstärken oder den nächsten Prüfungstermin nehmen und damit Zeit gewinnen.
Oder ganz banal: Habe ich Angst, mein neues Fahrrad könnte mir gestohlen werden, werde ich sorgsam mit ihm umgehen, es z.B. über Nacht nicht auf der Straße lassen bzw. gut absperren.
Es gibt Ängste, die mich einerseits eher blockieren und andererseits in Aufregung versetzen können.
Wenn sich dabei die Erregung in gewissen Grenzen hält, ich fühle mich nervös, angespannt, spüre meinen Puls leicht beschleunigt u.ä., kann ich einiges tun, um mir selbst zu helfen. Entgegen meinem ersten Impuls die Angst machende Situation zu vermeiden, werde ich mich ihr schrittweise aussetzen.
Habe ich z.B. Angst, mich in einem Seminar zu Wort zu melden (ich könnte etwas Falsches sagen, ich könnte ausgelacht werden etc.), werde ich zuerst kurze Bemerkungen machen oder Verständnisfragen stellen. Dadurch werde ich Sicherheit und Selbstvertrauen entwickeln und nach allmählicher Steigerung meiner Aktivität schließlich unbefangen an der Lehrveranstaltung teilnehmen.
Habe ich z.B. in Fahrstühlen Angst, habe ich es bisher nicht geschafft, in einem bestimmten Gebäude in den sechsten Stock zu fahren und lieber die Treppe benützt, werde ich beim nächsten Mal mit dem Lift bis zum ersten Stock fahren. Wenn ich das einigermaßen gut geschafft habe, werde ich dies langsam steigern, 2. Stock, 3. Stock usw. Am Beginn eines solchen Annäherns kann es mir auch helfen, eine Vertrauensperson um Begleitung zu bitten.
Ist meine Erregung allerdings sehr stark und werde ich bereits beim Gedanken an die bedrohliche Situation nervös, so werde ich mich um professionelle Hilfe an eine Psychologische Beratungsstelle für Studierende wenden.
6.15 Was tue ich bei Depressionen und wie gehe ich damit um?
Ich mache mir bewusst, dass ich bereits als Kleinkind in einer Situation der Hilflosigkeit grundsätzlich zwei Verhaltensmöglichkeiten hatte: Einerseits aktiv, aggressiv (das Kind weint und schreit laut) andererseits passiv, depressiv (das Kind wimmert). Beides kann in meiner Vergangenheit immer wieder zum Erfolg geführt haben (die Mutter ist gekommen und hat dem Kind Trinken, Essen, Trost usw. gegeben) und kann somit zu meinem Verhaltensrepertoire gehören. Bin ich nun als Erwachsener in einer ähnlichen emotionalen Situation, ich fühle mich schwach, klein und ohnmächtig, dann greife ich „automatisch“ auf das zurück, was mir früher geholfen hat, z. B. eben auf die Depression.
So werde ich versuchen, Verständnis für mich aufzubringen und mir meine Belastung, meine Probleme (was erscheint mir unerreichbar, untragbar) bewusst zu machen und nach Möglichkeiten, sie zu beseitigen, zu lösen suchen. Im Gegensatz zu meiner Kindheit kann jetzt die Hilfe nicht von außen (Mutter, Vater etc.) kommen, ich kann sie mir selbst geben.
Erkenne ich die Passivität in mir, so lasse ich mich von ihr nicht leiten, ich verbringe nicht den ganzen Tag im Bett oder vor dem Fernseher und ziehe mich nicht von anderen zurück. Ich setze mir erreichbare Ziele, ich erledige z.B. den längst fälligen Abwasch oder eine kleine Reparatur- bzw. Bastelarbeit und halte meine Sozialkontakte durch gemeinsame Aktivitäten aufrecht.
Erlebe ich jedoch, dass ich unfähig bin, durch die depressive Episode „durchzutauchen“, so wende ich mich an eine Psychologische Beratungsstelle für Studierende.
6.16 Was mache ich, wenn Einsamkeit und Isolation zu einem Problem werden?
Wir Menschen sind soziale Wesen, wir brauchen die Gesellschaft anderer. Nur wenige sind in der Lage, ein Eremitendasein zu führen.
Wenn ich Sozialkontakte vermisse, frage ich mich, was mit meinen Freunden und Bekannten geschehen ist.
Habe ich mich zurückgezogen, mich nicht mehr gemeldet?
Sind meine Freunde z.B. nach Studienabschluss weggezogen und habe ich mich nicht um neue gekümmert?
Am leichtesten ist es dort anzuknüpfen, wo bereits Kontakt bestanden hat. Warum soll ich nicht eine ehemalige Freundin, einen ehemaligen Freund anrufen und mit ihm/ihr ein gemeinsames Unternehmen vereinbaren (Kino, Theater, Konzert, Ausflug etc.)?
Um mit Menschen in Kontakt zu kommen, kann ich mich z.B. zu einem USI-Kurs in einem Bereich, der mich interessiert, anmelden.
Auf jeden Fall ist es wichtig, selbst aktiv zu werden. Wie Dornröschen auf den Prinzen in den Dornen (dem Kämmerlein) zu warten wird nicht erfolgreich sein.
Fallen mir diese Aktivitäten schwer, werde ich mir psychologische Unterstützung holen.
6.17 Wer kann mir helfen, wenn ich an einer Essstörung leide?
Zuerst ist einmal eine Klärung meiner Schwierigkeiten nötig. Am besten wende ich mich an eine Psychologische Beratungsstelle für Studierende. Gemeinsam mit der Psychologin, dem Psychologen werde ich weitere Maßnahmen beraten.
6.18 Was tue ich bei krisenhaften Lebenssituationen?
Die meisten Menschen erleben in ihrem Leben Krisen. Es hängt von meiner Einstellung dazu ab. Wenn ich sie als Möglichkeit des Umbruchs, der Veränderung definiere, kann eine Krise sehr viel Positives für meine Zukunft bewirken.
Nehmen wir z.B. ein Liebespaar. In der ersten Zeit der Verliebtheit, im Honigmond, zeigen sich beide von der besten Seite, nehmen Rücksicht, sind verständnis- und liebevoll. Beide tragen quasi eine emotionale Maske. Aber erst wenn ein Konflikt entsteht, wenn die Gefühlskontrolle fällt, sich beide in „emotionaler Nacktheit“ zeigen, und dieser Konflikt ausgetragen und schließlich beigelegt wird, dann hat die Beziehung eine Chance auf Dauerhaftigkeit und dass es Liebe wird.
Ich werde mir also in einer Krise die störenden, belastenden Umstände bewusst machen und aktiv Lösungen suchen.
6.19 Leide ich vielleicht an psychischen Störungen oder Krankheiten?
Es hängt davon ab, ob ich unter meinen Eigenarten leide bzw. sie schwer ertragen kann.
Wenn ich z.B. auf Parties eher zu den „Ruhigen“ gehöre, mich lieber zu zweit oder dritt unterhalte und mich dabei wohl fühle, dann bin ich vielleicht anders als so manch anderer, aber in keiner Weise gestört oder krank.
Wenn ich aber z.B. den Kontakt zu anderen immer mehr aufgegeben habe und gänzlich vermeide, aus Angst mich zu blamieren, dann habe ich eine psychische Störung und ich werde mir professionelle Hilfe holen.
6.20 Was kann ich machen, wenn ich an Schlafstörungen leide?
Auch wenn die meisten Menschen sich wünschen, immer gut zu schlafen und am Morgen ausgeruht aufzuwachen, so entspricht dies nicht dem, was wir erwarten können. Wir schlafen einmal besser, einmal schlechter und das ist noch kein Grund zur Beunruhigung.
Es ist zwar nicht angenehm, schlecht einzuschlafen oder immer wieder aufzuwachen, wenn mich Sorgen plagen, aber eigentlich verständlich. In diesem Fall werde ich nach Lösungen suchen. So ist es z.B. naheliegender, das kaputte Dach meines Hauses zu reparieren, als mir Sorgen darüber zu machen, was beim nächsten Gewitter geschehen wird.
Wenn ich keinen Grund für meine Schlafstörungen erkennen kann, werde ich meine Schlafgewohnheiten überprüfen und eventuell ändern. Ich kann z.B. etwas später oder früher schlafen gehen. Ich kann mir angewöhnen, vor dem Einschlafen noch etwas Entspannendes zu lesen oder Entspannungsübungen durchzuführen.
Kontraproduktiv ist die Einnahme von Schlafmittel über längere Zeit. Sie bewirken einen seichteren, weniger erholsamen Schlaf, können physisch oder psychisch abhängig machen und zerstören so den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus.
6.21 Wenn ich keinen Ausweg mehr sehe und Selbstmordgedanken bzw. -absichten habe – kann mir überhaupt wer helfen?
Ja! Wichtig ist, nicht allein damit zu bleiben! Bereits das Sprechen darüber wird mir Erleichterung verschaffen. In einer psychologischen Behandlung, einer Psychotherapie werde ich Auswege und damit Lösungen finden.
6.22 Wie kann ich gegen den Drang ankämpfen, mich selbst zu verletzen?
Es hängt davon ab, wie oft ich diesen Drang verspüre und wie intensiv ich mich selbst verletze.
War dies selten der Fall und fügte ich mir z.B. leichte Hautritzungen zu, dann werde ich in Zukunft dem Impuls nicht sofort nachgeben, sondern stattdessen etwas anderes tun. Ich kann eine Kleinigkeit essen, einen Spaziergang machen, mit jemandem telefonieren, mein Zimmer aufräumen oder ähnliches. Wenn mir dies gelingt, werde ich den Drang immer seltener erleben und ihm nicht mehr nachgeben.
Erlebe ich den Drang häufig und/oder sind meine Verletzungen ernsthafter, z.B. blutende Schnitte, werde ich mir professionelle Unterstützung holen.
In einer Psychotherapie werde ich z.B. erkennen, dass diese Form von Autoaggression bedeutet, dass ich keine gute Beziehung zu mir habe, dass ich mich dafür bestrafe, nicht so zu sein, wie ich glaube sein zu müssen. In meiner Kindheit habe ich in meiner ohnmächtigen Wut gegenüber Vater und/oder Mutter, sie konnte ich nicht attackieren, mit der Faust gegen die Wand geboxt oder mit dem Kopf auf den Boden geschlagen und die mir zugefügten Schmerzen gar nicht gespürt. Ich konnte aber immer wieder erleben, wie meine Mutter bei jedem Schlag gezuckt hat und mir schließlich zu Hilfe gekommen ist oder sogar meinen ursprünglich abgelehnten Wunsch erfüllt hat. Ich werde verstehen, dass ich damals gelernt habe, auf diese Weise Zuwendung zu bekommnen, meine Anspannung abzureagieren und sogar meine Wünsche durchzusetzen.
6.23 Was kann ich gegen sexuelle Probleme tun?
Funktionale Sexualstörungen erleben wir natürlich belastend, sie sind aber bei gelegentlichem Auftreten kein unlösbares Problem. Die Gründe dafür können vielfältig sein. Ich werde mich fragen, was bei mir zutreffend sein kann.
Habe ich einfach keine „Lust gehabt“ und wollte ich mich trotzdem zum Sex „zwingen“?
War mir die Situation nicht angenehm, hatte ich z.B. Angst, beim Sex gestört zu werden?
War ich zu müde, abgespannt, leicht kränklich oder habe ich zu viel Alkohol getrunken?
Ist die Beziehung zu meinem Partner, meiner Partnerin mit einem Konflikt belastet und habe ich versucht, ihn durch Sex zu lösen?
Trifft eine dieser Bedingungen zu, werde ich in Zukunft auf mich achten, für angenehme Umgebung sorgen oder mit meinem Partner, meiner Partnerin über unsere Probleme sprechen und versuchen, sie zu lösen.
Handelt es sich um häufige oder seit längerem auftretende Schwierigkeiten oder spüre ich beim Sexualakt Schmerzen, werde ich mich fachärztlich untersuchen lassen und in Psychotherapie gehen.
6.24 Wie kann ich verhindern, dass mich Sucht und Abhängigkeit vom Weg abbringen?
Ich werde mich fragen, was ich durch meine Sucht „zudecke“.
Ermöglicht mir z.B. erst der Konsum von reichlich Alkohol angst- und stressfrei auf einer Party mit anderen in Kontakt zu treten, meine Hemmungen fallen zu lassen?
Hilft mir meine Droge Zukunftsängste, z.B.: „Ich werde diese große Prüfung nicht schaffen“, zumindest für gewisse Zeit zu vergessen?
Ich werde überlegen, wie lange mein Suchtverhalten andauert, wie ich dazu gekommen bin und mich erinnern, wie frei ich ohne dem gelebt habe. Die Chancen, von der Sucht wegzukommen, sind für mich als jungen Menschen sehr gut, und wenn all meine Versuche, allein damit fertig zu werden, fehlgeschlagen sind, werde ich mir psychologische/psychotherapeutische Unterstützung holen.
6.25 Was tue ich, wenn mich Zwangsgedanken quälen oder Zwangsrituale mein Leben belasten?
Zwangsgedanken sind belastend und ich habe versucht sie nicht zu denken. Dies ist natürlich nicht gelungen: Ich kann durch Denken nicht erreichen, nicht zu denken!
Ich werde mich meinen Gedanken stellen, sie mich denken lassen und „schauen“, wohin sie mich bringen. Ich werde lernen, sie nicht ernst zu nehmen und erleben, dass sie immer mehr in den Hintergrund treten.
Zwangshandlungen haben vielfältige Ursachen, die meist in meiner individuellen Vergangenheit, meiner Sozialisation liegen. Vielleicht habe ich irgendwann in meinem Leben und wahrscheinlich über längere Zeit gelernt, dass z.B. das peinlich genaue Aufstellen meiner Stofftiere, der Größe geordnet, mir Beruhigung verschafft. Ich werde erkennen, dass ich auf diese alten Rituale zurückgreife, um einerseits Belastendes nicht zu erleben und andererseits genau dadurch mir Belastung auferlege.
Sind meine Zwangshandlungen selten und auf Bestimmtes beschränkt, kann ich durch bewusstes Vorgehen wiederholtes Kontrollieren verlernen. Erlebte ich z.B. immer wieder, dass ich beim Verlassen meiner Wohnung drei-, viermal oder öfter zurückging um zu überprüfen, ob alle Fenster geschlossen sind, werde ich beim nächsten Mal zu mir sagen: „So, ich schaue jetzt bewusst nach den Fenstern und lasse mir dabei Zeit!“ Auf diese Art weiß ich, dass alles in Ordnung ist und ich werde die „innere Stimme“, die mich zu erneuter Umkehr bringen möchte, zum Schweigen bringen können.
Eine Psychotherapie wird mir bei meinen Veränderungsprozessen Hilfe bieten.
6.26 Meine Eltern unterstützen mich, aber ich darf bei keiner Prüfung versagen. Ich habe schon Alpträume vor jedem Prüfungstermin. Wissen Sie Rat?
Ich übernehme offenbar den Druck, den meine Eltern ausüben, vielleicht aus dem Glauben, mir damit zu helfen. Wahrscheinlich sind sie der Ansicht, ich könnte mich nicht selbst bestimmen, wäre nicht erwachsen genug.
Ich werde mit meinen Eltern in Ruhe darüber sprechen. Fühle ich mich nicht in der Lage, dieses Gespräch allein zu führen, kann ich mir z.B. einen Onkel zur Unterstützung bzw. als Gesprächsleiter holen.
Ich werde ihnen klarlegen, dass ich mich in der Lage fühle, meine Ziele selbst verfolgen zu können und sie bitten, mir mehr „Luft zu lassen“. Ich kann ihnen z.B. vorschlagen, dass ich bis zu einem bestimmten Termin meine Studienangelegenheiten alleine regle. Ich werde ihnen vorher nichts von bevorstehenden oder abgelegten Prüfungen erzählen und erst nach Ablauf der Frist meine „Bilanz“ vorlegen.
Auf diese Weise werde ich einerseits erreichen, von elterlichem Druck entlastet zu sein und andererseits ihnen und mir zeigen können, dass ich selbstbestimmend, erwachsen bin.
6.27 Seit einiger Zeit habe ich in meiner Beziehung Schwierigkeiten. Wir streiten fast nur noch, finden aber keine Lösung und kommen dennoch nicht voneinander los. Was sollen wir tun?
Wenn es sich dabei um einzelne Bereiche handelt, wie z.B. er ist nie pünktlich, sie trifft sich samstags immer mit ihren Freundinnen und hat für mich keine Zeit, er raucht immer wieder im Schlafzimmer, sie gibt zu viel Geld für Kosmetika aus u.ä., werde ich versuchen, in Ruhe, unter Umständen an einem neutralen Ort (Kaffeehaus) und im Beisein einer außenstehenden, befreundeten Person mit ihm/ihr konkrete Lösungsstrategien zu besprechen. Ist uns dies nicht möglich oder sind die Schwierigkeiten komplexer werden wir uns an eine Psychologische Beratungsstelle für Studierende zur Paarberatung wenden.
6.28 Ich glaube, dass einige Professoren etwas gegen mich haben. Wie kann ich mich wehren?
Zuerst werde ich meinen Eindruck durch Gespräche mit Kolleginnen und Kollegen überprüfen, da es ja sein könnte, dass ich überempfindlich reagiere oder durch mein Verhalten die mir entgegengebrachte Ablehnung provoziere. Sollte mein Verdacht bestätigt werden, wehre ich mich besser nicht als „EinzelkämpferIn“, sondern suche Unterstützung bei meiner Studienrichtungsvertretung.
6.29 Vor jeder Prüfung, auch vor kleinen, habe ich starke Migräne und muss erbrechen. Bin ich krank?
Wenn man sehr starke Prüfungsangst als Krankheit bezeichnet, dann bin ich wohl krank. Während eine gewisse Aufregung vor einer Prüfung „normal“ ist und mir auch helfen kann (ein Gefühl vollkommener Gleichgültigkeit vor einer Prüfung ist kontraproduktiv), ist übermäßige, mit körperlichen Begleiterscheinungen verbundene Angst wohl der unbewusste Versuch, die „Gefahr“, die Prüfung zu vermeiden.
Ich werde mir psychologische Hilfe holen.
6.30 Welche Psychotherapie ist die wirkungsvollste? Wozu können Sie mir raten?
Die in Österreich vom Hauptverband der Sozialversicherungsträger anerkannten Psychotherapiemethoden sind alle effektiv. Natürlich kann es sein, dass mir bestimmte Methoden und/oder der Psychotherapeut, die Psychotherapeutin nicht liegen. Dahin kann ich aber erst durch Erfahrung gelangen. Als Student, Studentin werde ich mich bei einer Psychologischen Beratungsstelle für Studierende anmelden, meine Anliegen vorbringen und im Erstgespräch klären, ob ich mir eine therapeutische Zusammenarbeit vorstellen kann.
6.31 Ich komme nicht weg vom „Stoff“. Wenn das bekannt wird, muss ich wahrscheinlich weg von der Uni – oder?
Ein Ausschluss von der Universität ist wegen Drogenkonsums nicht zu erwarten, dieser erfolgt erst nach kriminellen Taten. Sinnvoll ist es, mich meiner Sucht zu stellen und sie zu bearbeiten. Zur Unterstützung wende ich mich an eine Psychologische Beratungsstelle für Studierende oder an die Drogenberatungsstellen.
6.32 Ich leide unter Epilepsie – kann ich trotzdem Medizin studieren?
Wenn ich medikamentös gut eingestellt bin, spricht nichts gegen ein Medizinstudium. Habe ich daran Zweifel werde ich mit meinem Neurologen Rücksprache halten.
6.33 Ich bin in einer Gruppe, in der mir dauernd gesagt wird, dass es Wichtigeres gibt als zu studieren. Eigentlich mag ich die Gruppe, soll ich aufhören zu studieren?
Ich werde mich fragen, was die Gruppenmitglieder statt Studieren tun.
Wenn sie ihr Leben nur mit Spaß und Freizeitvergnügungen verbringen und dabei z.B. den Eltern „auf der Tasche liegen“, werde ich sie mir kaum zum Vorbild machen.
Wenn sie beruflichen Tätigkeiten nachgehen, die sie erfüllen und dabei auch noch Geld verdienen und viel mehr davon haben als ich „armer Student“, „arme Studentin“, kann dies schon Anlass für mich sein, meine Lebensziele zu hinterfragen.
Ich kann dabei durchaus zum Schluss kommen, dass ich bereit bin, mein Studium, für das ich z.B. ohnedies nie so richtig Interesse hatte, zugunsten von Berufstätigkeit oder einer kürzeren Ausbildung aufzugeben.
Ich kann aber auch erkennen, dass meine Clique und ich, unabhängig von den gemeinsamen Aktivitäten, verschiedene Lebens- und Berufsauffassungen haben und meine Wege eben über mein Studium führen.
6.34 Ich habe durch einen Unfall und die Nachbetreuung fünf Semester verloren. Wie steige ich jetzt am besten wieder ein?
Ich werde mit meiner Studienrichtungsvertretung Kontakt aufnehmen, den für mich zuständigen Studiendekan aufsuchen, in die Sprechstunde eines Professors oder mehrerer Professoren meines Vertrauens gehen und mit diesen Personen den sinnvollsten Wiedereinstieg beraten. Ich werde mir erreichbare Studienziele setzen, die mich nicht überfordern und mir die Möglichkeit geben, wieder Fuß zu fassen.
6.35 Angeblich hat jeder 5. Student psychische Probleme – stimmt das?
Ungefähr ja. Diese Probleme sind allerdings nach ihrem Schweregrad sehr unterschiedlich. Die meisten sind so genannte Spätadoleszenzkrisen und haben mit dem Selbstständigwerden zu tun.
Die Studienzeit bedeutet schon allein wegen der finanziellen Abhängigkeiten (von den Eltern oder von einem Stipendium) und Einschränkungen (im Vergleich zu berufstätigen Gleichaltrigen) eine Verlängerung der Jugendzeit. Für mich als Studentin, als Student bietet sie jedoch neben dem fachlichen Wissenserwerb die Chance, mich mit mir, meinen Fähigkeiten, meinen Mängeln, meinen Wünschen und Sehnsüchten sowie meinen Zweifeln auseinanderzusetzen. Da kann es schon geschehen, dass ich in eine „persönliche Krise“ gerate. Diese zu durchleben mag schwer sein, führt aber danach, nach Veränderungen meines Handelns und meines Denkens, zu einer Stärkung meines „Ichs“.
6.36 Ich betreue meine alten und schwer kranken Eltern schon vier Jahre. Jetzt merke ich, dass ich selbst schon ganz ohne Energie bin und mir die „Luft ausgegangen ist“. Aber da kann mir wahrscheinlich niemand helfen?
Wenn ich selbst ohne Kraft und erschöpft bin, werde ich nicht mehr betreuen können, sondern bald selbst Betreuung brauchen.
Ich werde zur Erkenntnis gelangen, mir zuviel zugemutet zu haben. Wahrscheinlich habe ich die Aufgaben unterschätzt. Es ist nun wichtig, Veränderungen vorzunehmen.
Wer kann mich unterstützen, wer kann mir Aktivitäten abnehmen?
Ist das, was ich getan habe, wirklich in diesem Ausmaß notwendig gewesen?
Wenn möglich werde ich mit meinen Eltern über die Situation sprechen und mit ihnen nach Lösungsmöglichkeiten suchen. Vielleicht ist Ihnen mein „Aufopfern“ gar nicht recht, vielleicht sogar zu viel.
Ich werde mich über soziale Unterstützungen informieren (Essenszustelldienst, Hauskrankenpflege u.ä.).
Es ist nicht sinnvoll, mein eigenes Leben völlig zu vernachlässigen. Dies kann auch nicht im Interesse meiner Eltern liegen.
6.37 Es macht mich ganz fertig, dass ich so ehrgeizig bin. Aber alles, was nicht vollkommen ist, ist für mich ein Versagen. Das muss doch jeder so sehen, oder?
Nein, sehr wahrscheinlich nicht!
Ich kann ein Werkstück, z.B. aus weichem Balsaholz, wie es für den Modellbau verwendet wird, aus dem Bestreben, es perfekt zu machen, immer wieder beschleifen und erleben, dass ich es schließlich zur Unbrauchbarkeit bearbeitet habe und wegwerfen muss.
Ich kann einen von mir gebackenen Kuchen, der nicht „perfekt“ symmetrisch ist, wegwerfen. Ich kann ihn aber auch mit Schokolade glasieren und ihn meinen Gästen mit den Worten: „Das ist ein ganz besonderer Kuchen, er ist von mir!“ servieren.
Wenn Ehrgeiz darin besteht, dass ich mir realisierbare Ziele setze und sie so gut wie möglich anstrebe, dann kann er für mich motivierend sein. Besteht er jedoch darin, dass ich die beste Prüfung machen, die beste Arbeit abliefern möchte, daß ich besser als alle anderen bin (wer sind denn alle?), dann wird er mich „fertig machen“, mich massiv belasten und dadurch meine Leistungsfähigkeit verringern.
Es wird immer wieder notwendig sein, „Mut zur Lücke“ zu entwickeln, was nicht Schlamperei bedeuten muss. Auch Vollkommenheit kann nur relativ sein: „Jetzt, unter den gegebenen Umständen und Bedingungen, habe ich einen perfekten Sonnenschutz, auch wenn es sich dabei nur um ein geknotetes Taschentuch handelt“.
Krankhafter und damit Druck bereitender Ehrgeiz hat seine Ursache meist in der individuellen Sozialisation. Psychologische Unterstützung kann mir helfen dies zu erkennen, zu bearbeiten und die Auswirkungen auf mein heutiges Leben zu reduzieren.
6.38 Ich bin beim Schwindeln erwischt worden. Was habe ich jetzt zu befürchten?
Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Prüfung als „nicht genügend“ gewertet wird, schlimmere Konsequenzen habe ich nicht zu erwarten.
Sinnvollerweise werde ich mich für das nächste Mal besser vorbereiten, sodass ein Schwindeln gar nicht nötig sein wird.
6.39 Früher oder später werden wir uns nuklear selbst vernichten. Was hat da ein langes Studium noch für einen Sinn?
Aus der gegenwärtigen politischen Weltlage lässt sich keine nukleare Vernichtung ableiten. Diese war in der Zeit des „kalten Krieges“, besonders in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts viel wahrscheinlicher. Aus dem dann Geschehenen können wir hoffen, dass „die Menschen“ (im wesentlichen die verantwortlichen Politiker) doch klüger geworden sind.
Andererseits wissen wir, dass unser Leben endlich ist und seinen Sinn erklären wir uns aus unserer Weltanschauung oder Religion. In jedem Fall haben wir nur dieses Leben und es ist sinnvoll, es mit Lebendigkeit zu füllen. Dazu gehört wohl auch, dass ich möglichst wach, selbstbestimmend und kompetent bin, dass ich mir meiner Stärken und Schwächen bewusst bin. Dazu ist es notwendig und sinnvoll, Wissen und Fähigkeiten zu erwerben sowie die Bereitschaft zu entwickeln, lebenslang zu lernen. Ein Studium liefert mir dafür die besten Voraussetzungen.
6.40 Ich habe manchmal plötzliche Angstanfälle. Dann wieder Phasen von Gleichgültigkeit und Leere. Meine Angehörigen sagen, dass das von einem Überfall, den ich vor einem Jahr miterlebt habe, kommt. Kann das sein?
Wenn ich diese emotionalen Erlebnisse vor dem Überfall nicht gehabt habe, dann handelt es sich wahrscheinlich um ein so genanntes posttraumatisches Syndrom. Ich wurde extrem psychisch belastet und spüre jetzt noch immer die Nachwirkungen. Natürlich wird es im zeitlichen Abstand immer geringer, aber ich kann mir psychologische Unterstützung zur Verarbeitung holen.


