I. Wie kann man eine Essstörung verstehen
- Essstörungen drücken einen „Hunger“ aus, der durch Essen aber
nicht gestillt werden kann.
Es handelt sich eigentlich um ein Ausweichverhalten: Das Essen/Nichtessen dient als Ersatzlösung für nicht wahrgenommene Gefühle und Bedürfnisse. Es ist eine Reaktion auf unbefriedigende Lebensverhältnisse: Verweigerung, Flucht, stummer Protest aber auch Resignation, Hilflosigkeit und Anpassung. - Essstörungen sind eine Form von Sucht. Zunächst erzeugt das gestörte Essverhalten Erleichterung, doch dieses Gefühl ist vorübergehend, die Befriedigung dauert nur kurz an. So muss das Verhalten wiederholt werden, um sich erneut gut zu fühlen: Es beginnt der Teufelskreis der Abhängigkeit.
Persönliche Probleme Essstörungen
II. Wann liegt eine Essstörung vor?
Essstörungen sind nicht nur eine Frage des äußeren Erscheinungsbilds. Auch Normalgewichtige können essgestört sein. Hinweise auf eine Essstörungen sind folgende „Ja“-Punkte:
C H E C K !
- Beschäftige ich mich ständig mit dem Thema Nahrungsaufnahme?
- Stelle ich fest, wie viel ich gegessen habe, wie viel Kalorien ein bestimmtes Nahrungsmittel hat, wie viel ich noch essen darf?
- Fühle ich mich schuldig, wenn ich gegessen habe?
- Kann ich Gefühle von Hunger und Sättigung wahrnehmen oder orientiere ich mich eher an Kalorientabellen und Waage?
- Fühle ich mich dick obwohl ich eigentlich normal- oder untergewichtig bin?
- Habe ich das Gefühl, durch eine Gewichtsreduktion alle Probleme beseitigen zu können, nach dem Motto: „Wenn ich schlank bin ist alles gut.“?
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III. Gefahren bei Essstörungen
- Essstörungen beeinträchtigen nicht nur das Wohlbefinden, sie können auch eine ernste Gefahr für Gesundheit und Leben bedeuten: Stoffwechselstörungen, Niereninsuffizienz, Mangel an lebenswichtigen Elektrolyten, Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen, Krankheiten des Speise- und Verdauungstraktes, alle Symptome von Unterernährung. In schweren Fällen können Essstörungen auch Todesursache sein.
- Der psychosoziale Druck auf die Betroffenen ist ebenfalls erheblich – das Problem immer verstecken zu müssen, die Auseinandersetzung mit den oft selbst hilflosen Helfern, die Ambivalenz, Bescheid zu wissen und doch nicht anders zu können steigern Verzweiflung und scheinbare Ausweglosigkeit extrem
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IV. Ursachen von Essstörungen
Persönliche Risikofaktoren sind in erster Linie:
- ein niedriges Selbstwertgefühl
- der Zwang zu Perfektionismus
- mangelnde Autonomie und Abgrenzung
- nicht gut entwickelte Selbständigkeit
Gesellschaftliche Mitverantwortung:
Die Zunahme von Essstörungen liegt sicher im vorgegaukelten Schlankheitsideal und dem Versuch vieler Frauen, diesem durch Diäten zu entsprechen. Diäten können den Beginn einer Essstörung darstellen, denn Diäten begünstigen den Verlust der Wahrnehmung für Hunger und Sattheit.
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V. Die Wege aus der Essstörung
Wer einen Ausweg finden will, braucht Durchhaltevermögen und viel Mut. Voraussetzung ist, auf möglichst viele der folgenden Fragen ehrlich mit „Ja“ antworten zu können:
C H E C K !
- Möchte ich mir selbst zuliebe das Thema in den Griff bekommen?
- Werde ich mir dazu professionelle Hilfe organisieren?
- Will ich mich selbst entdecken und damit die Rolle des Essens/Nicht-Essens in meinem Leben verstehen lernen?
- Könnte ich mir einen anderen Bezug zum Essen vorstellen?
- Traue ich mir zu, mit schwierigen Gefühlen wie Wut, Sehnsucht, Trauer anders umzugehen?
- Will ich andere Strategien als Sucht ausprobieren, um Zufriedenheit in meinem Leben zu finden?
Das ist der Beginn eines spannenden aber auch harten Weges. Diese Schritte sind tatsächlich kaum allein zu schaffen, bitte holen Sie sich Unterstützung durch Fachleute. Manchmal ist auch ärztliche Begleitung notwendig. Auch Selbsthilfegruppen können von Nutzen sein, denn Sie sind mit diesem Problem bei weitem nicht allein!
Für ein persönliches Gespräch mit uns:
Psychologische Beratungsstelle für Studierende.
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VI. Arten von Essstörungen
1. Bulimie
Bulimie ist wahrscheinlich die häufigste Essstörung, die Dunkelziffer ist recht hoch.
Ca. 10% der Frauen und Mädchen zwischen 15 und 30 Jahren sind betroffen.
Weniger als 10% der Betroffenen sind Männer.
Wie kann man eine Bulimie erkennen?
Vom äußeren Erscheinungsbild sind die Menschen mit Bulimie unauffällig, d.h. normal bis leicht über- bzw. untergewichtig. Auch ihr Essverhalten in der Öffentlichkeit ist unauffällig, ihre Essanfälle erleiden sie im Geheimen.
An dieser Checkliste können Sie das Problem erkennen:
C H E C K !
- Beschäftige ich mich ständig mit Figur und Gewicht?
- Habe ich regelmäßige Essanfälle, mindestens 2x/Woche in den letzten 3 Monaten?
- Verliere ich während der Essanfälle jegliche Kontrolle darüber, was und wie viel ich esse?
- Wende ich „Gegenmaßnahmen“ an, um eine Gewichtszunahme zu verhindern, z.B
- selbstinduziertes Erbrechen
- Missbrauch von Abführmittel und Entwässerungsmedikamenten,
- übermäßige körperliche Betätigung
Gefühlssituation der Betroffenen:
Die Anfälle und den dazugehörige Kontrollverlust erleben die Betroffenen als schlimmes Versagen, das sie mit Scham und Ekel erfüllt. Das Erbrechen bringt kurzfristig Erleichterung, dann kommt es aber auch deshalb zu Gefühlen von Scham, Schuld und Ekel. Soziale Isolation, sowie Ängste und depressive Zustände kommen als Folgen der Erkrankung oft noch hinzu.
Körperliche Folgen der Bulimie:
Die Auswirkungen von Bulimie können lebensbedrohliche Ausmaße annehmen:
- Herzrhythmusstörungen und Nierenschäden durch den Verlust von Elektrolyten.
- Diverse Mangelerscheinungen durch die unausgewogene Ernährung
- Vermehrte Magensäurebildung und ihre Folgen
- Zahnschäden durch die ständigen Säureangriffe
- Entzündungen in der Speiseröhre
- Magen- und Speiseröhrenrisse als Folge des heftigen Erbrechen
Die Ursachen der Bulimie:
Bulimie ist, wie alle Essstörungen als Hinweis auf Mangel und Leiden zu verstehen, das über diese Störung ausgedrückt wird:
- niedriges Selbstwertgefühl, entstanden aus der persönlichen Lebensgeschichte
- unerfüllbar hohe Ansprüche an sich selbst
- mangelnde Möglichkeit zu eigenständiger Persönlichkeit
- das Nicht-Wahrnehmen von Gefühle, vor allem von negativen
- soziale Defizite aufgrund einer schwierigen Vorgeschichte
- Ängste
- depressive Tendenzen.
Wege aus der Bulimie:
Um die Bulimie zu überwinden ist eine Veränderung des Essverhaltens und der Einstellung zu Essen, Gewicht und Figur notwendig. Das geht nur Hand in Hand mit der Entwicklung der Gesamtpersönlichkeit:
- Stärkung des Selbstwertgefühls
- Zunahme der Eigenständigkeit
- Umgang mit negativen Gefühlen etc.
Für einen Weg aus der Bulimie sind eine Unterstützung durch Psychotherapie und eine ärztliche Begleitung sehr zu empfehlen, wenden Sie sich bitte an Fachleute.
Wenn Sie über sich oder nahe stehende Betroffene sprechen wollen, kontaktieren Sie uns in der Psychologischen Beratungsstelle für Studierende.
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2. Magersucht
Von Magersucht spricht man wenn jemand absichtlich stark untergewichtig ist und daher bereits 15% unter dem Normalgewicht liegt.
Wie kann man Magersucht erkennen?
- Streng kontrollierte und eingeschränkte Nahrungsaufnahme bzw. Verweigerung
- Exzessiver Sport, absichtliches Erbrechen und Missbrauch verschiedener Medikamente (Appetitzügler, Abführmittel, harntreibende Mittel)
- Gestörte Wahrnehmung des eigenen Körpers, das Gefühl zu dick zu sein, obwohl das Gegenteil wahr ist
- Hunger wird nicht mehr erlebt, er ist unterdrückt oder ausgeblendet
- Große Angst, Gewicht zuzunehmen, dieses Gefühl ist unerträglich
- Gedanken kreisen ständig um Essen, Gewicht und Kalorien
Die Ursachen der Magersucht:
Zu 90% sind es Mädchen und junge Frauen, die an Magersucht erkranken.
Sie sind typischerweise intelligent, leistungsorientiert und angepasst, es sind wahre „Herzeigekinder“, die Umgebung kann äußerlich überhaupt keinen Grund für die Erkrankung einsehen.
Innerlich sieht es jedoch anders aus:
- Es fehlte die Möglichkeit, eine eigene Identität und Selbständigkeit zu entwickeln.
- Der Körper wird zum einzigen Feld, über das man selbst bestimmen kann.
- Hier entwickeln sich Gefühle von Macht und Stärke; der Familie gegenüber, aber auch sich selbst gegenüber.
- Das geringe Selbstwertgefühl wird durch das Überwinden des Hungers gestärkt.
- Die ständige Beschäftigung mit Esskontrolle verhindert, dass Gefühle wie Unsicherheit, Überforderung, Wut aufkommen können
Wege aus der Magersucht
Das extreme Untergewicht verursacht schwerwiegende medizinische Probleme wie Stoffwechselstörungen, hormonelle Veränderungen, depressive Verstimmungen, Mangelkrankheiten, etc.
Menschen, die an Magersucht leiden, brauchen in den allermeisten Fällen ärztliche und psychotherapeutische Unterstützung, wenn sie ihre Sucht durchbrechen wollen.
Ziele der Behandlung sind u.a.:
- seelischer Entwicklung ermöglichen
- Essverhaltens und Gewicht normalisieren
- Körperlicher Komplikationen medizinisch behandeln
- Selbständigkeit und Selbstbewusstsein entwickeln
Persönliche Probleme Essstörungen
3. Esssucht
Esssüchtige Personen essen regelmäßig zu viel. Sie essen ohne Hunger und benutzen das Essen als Ersatz für vernachlässigte Gefühle und Bedürfnisse.
Essen ist der Versuch, diese Gefühle zu bewältigen bzw. die Bedürfnisse zu befriedigen.
Oft wird versucht, durch Diäten zu einer Gewichtsabnahme zu gelangen, doch gelingt das nur vorübergehend und führt zu neuen Essanfällen. Ein Teufelskreislauf beginnt.
Esssüchtige Personen haben das Gefühl für Hunger und Sättigung verloren, sie wissen nicht, wann sie wirklich Hunger haben, können auch nicht unterscheiden zwischen Hunger und Appetit.
Für die Ursachen und die Wege aus der Esssucht gilt das gleich wie schon allgemein unter dem Punkt Essstörungen angeführt.
Persönliche Probleme Essstörungen
4. Binge Eating Disorder
Hier eine Checkliste zum Erkennen der Störung:
C H E C K !
- Habe ich Essattacken?
- Esse ich große Mengen von Nahrungsmitteln schnell, wahllos, alleine und ohne Hungergefühl?
- Kann ich mein Verhalten während eines solchen Anfalls nicht kontrollieren?
- Kommt es anschließend zu Ekel, Scham und Schuldgefühlen?
- Mache ich häufig Diäten, um mein Gewicht zu reduzieren, die von weiteren Essattacken abgelöst werden (Jojo-Effekt)?
Körperliche Folgeerscheinungen
Betroffene müssen nicht unbedingt übergewichtig sein, wenn Sie an einer binge eating disorder leiden, sind es aber oft.
Aufgrund des Übergewichts entstehen medizinische Probleme Bluthochdruck, Diabetes, Herzerkrankungen und Probleme mit dem Skelett.
Zudem kommt es zu sozialem Rückzug und depressiven Zuständen.
Ursachen der Binge Eating Störung
- Essen ist ein Weg, um mit Gefühlen umzugehen die von uns selbst bzw. auch von der Umwelt ignoriert werden.
- Essen ist Ersatz für Anerkennung, Trost, etc. Es dient der Befriedigung emotionaler Bedürfnisse, die sonst kaum wahrgenommen werden (dürfen).
- Die Gefühle und Bedürfnisse werden mit dem Essen „hinuntergeschluckt“.
- Das Übergewicht wirkt wie ein Panzer und schützt vor Verletzungen, erschwert aber auch Nähe.
Wege aus der Binge Eating Störung
Auch hier muss zuerst die zugrunde liegende Essstörung behandelt werden, bevor das Essverhalten verändert werden kann:
- erkennen der Rolle, die die Störung im Leben der/des Betroffenen hat
- lernen, mit den eigenen Gefühlen anders umzugehen
- auseinandersetzen mit Selbstwertgefühl, Eigenständigkeit und Identitätsfindung
Persönliche Probleme Essstörungen
© Madeleine Garbsch


